Reise mit Rückkehr: Flüchtlinge standen nach einem Tag wieder in Wimbern auf der Matte

06.09.2015

WIMBERN. „EASY“ hört sich nach dem englischen Adjektiv an, welches ins Deutsche übersetzt so viel wie „einfach, bequem, leicht, mühelos, ruhig oder ungezwungen“ bedeutet. Ganz so „einfach“ ist die Geschichte, die hinter dem Polizei-Einsatz am Mittwochabend (2. September 2015) in der Wimberner Massenunterkunft für Flüchtlinge wegen eines angeblichen „Sitzstreiks“ steckt, allerdings nicht. – Und „EASY“ hat in diesem Fall eine ganz andere Bedeutung …

Was war an dem Mittwochabend kurz nach Einbruch der Dunkelheit in der „Zentralen Unterbringungseinrichtung“ (ZUE) des Landes Nordrhein-Westfalen geschehen?

Ein Sprecher der Leitstelle der Kreispolizeibehörde Soest hatte den Einsatz von drei Streifenwagen der Werler Wache mit einem „Sitzstreik“ von Flüchtlingen in der ZUE begründet (wir berichteten aktuell).

Die Aktion sei zwar friedlich und „ohne Handgreiflichkeiten“ verlaufen, aber das Betreuungs- und Sicherheitspersonal der Malteser habe die Polizei-Beamten zur Hilfe gerufen, nachdem sich Asylsuchende geweigert hätten, aus der ZUE Wimbern in eine andere Unterkunft umzuziehen.

Die Situation habe anfangs dramatischer gewirkt, als sie sich beim Eintreffen der sechs Beamten vor Ort wirklich dargestellt habe. Deshalb seien die drei Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn durch Wickede gebraust, nachdem man sie alarmiert hätte. Doch bereits nach kurzer Zeit in der ZUE habe man wieder abrücken können, da die Lage unproblematisch gewesen sei.

Weitere Details wollte der Polizei-Sprecher – unter anderem aus einsatztaktischen Gründen – nicht mitteilen.


Was genau war der wirkliche Hintergrund für den angeblichen „Sitzstreik“ der Flüchtlinge?

Licht ins Dunkel der abendlichen Aktion brachten nachträgliche Recherchen von „wickede.ruhr HEIMAT ONLINE“ im Laufe der letzten Tage.

Demnach war bei der Registrierung von mehreren Bewohnern der ZUE in Wimbern durch die „Zentrale Ausländerbehörde“ festgestellt worden, dass die besagten Personen aus Wimbern ins benachbarte Niedersachsen und nach Rheinland-Pfalz verlegt werden sollten.

Hintergrund der Entscheidung der Ausländerbehörde sei die „gerechte Verteilung“ von Flüchtslingskontingenten nach dem sogenannten „Königssteiner Schlüssel“ und dem „EASY“-Verfahren („EASY“ steht für „Erstverteilung von Asylbegehrenden“) zwischen den einzelnen Bundesländern gewesen, erklärte Bettina Zipplies in ihrer Funktion als stellvertretende Einrichtungsleiterin der Bezirksregierung Arnsberg für die „Zentrale Unterbringungseinrichtung“ in Wimbern.

Am Dientag (1. September 2015) hätten insgesamt 86 Flüchtlinge – ausgestattet mit ihren „Bescheinigungen über die Meldung als Asylsuchende“ (BÜMA) und Zugfahrkarten – die NRW-Unterbringungseinrichtung in Wimbern verlassen müssen, berichtete Zipplies, um sich weisungsgemäß in andere Bundesländer zu begeben.

Fünfunddreißig Flüchtlinge seien in die Erstaufnahmeeinrichtung Bramsche-Hesepe in Niedersachsen gereist – und rund 50 Personen hätten sich auf den Weg zur Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Trier (Rheinland-Pfalz) gemacht.

Zur Verwunderung der Malteser-Betreuung und ihres Sicherheitsdienstes hätten 18 der nach Niedersachsen und zwölf der nach Rheinland-Pfalz geschickten Personen allerdings schon am darauf folgenden Tag wieder in Wimbern vor der Tür gestanden.

Denn nachdem sie die Massenunterkünfte in Bramsche-Hesepe (Niedersachsen) und in Trier (Rheinland-Pfalz) in Augenschein genommen und dort eine Nacht verbracht hatten, hätten die Flüchtlinge wohl für sich entschieden: „Wimbern ist schöner, wir kehren in die Unterkunft nach Nordrhein-Westfalen zurück.“

Und so standen die Ex-Bewohner am Mittwoch (2. September 2015) plötzlich wieder in Wimbern auf der Matte und weigerten sich, dort wieder wegzugehen. – Der Grund für den oben beschriebenen Polizei-Einsatz.

Da die rechtliche Grundlage für eine weitere Unterbringung in der nordrhein-westfälischen ZUE aber fehlte und die Tickets für die Zugfahrten inzwischen entwertet waren, transportierte man die Flüchtlinge kurzerhand nochmals mittels eines kurzfristig gecharterten Busses am späten Mittwochabend wieder an ihre eigentlichen Bestimmungsorte.

Zuvor wurden die Flüchtlinge mittels Lunchpaketen mit Essen und Trinken versorgt und konnten selbstverständlich auch die Toiletten in Wimbern benutzen, heißt es. – Einen Platz zum Schlafen gab’s hier in NRW aber nicht. Denn schließlich waren die Flüchtlinge von der Ausländerbehörde ja als „Ex-NRW“ klassifiziert worden.


Offenbar kastastrophale Zustände in Flüchtlingsunterkünften in Brahmsche-Hesepe und Trier

Dass die Flüchtlinge lieber wieder nach Wimbern zurück wollten, ist menschlich übrigens mehr als verständlich, wenn man sich beispielsweise über die Erstaufnahmeeinrichtung in Niedersachsen informiert:

Die Lokalausgabe der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ schrieb dazu gerade: „Hesepe: Ein Flüchtlingslager vor dem Kollaps“ (siehe Bildschirmfoto).

Und ein Journalist dieser Tageszeitung berichtete im Gespräch mit „wickede.ruhr HEIMAT ONLINE“ über katastrophale Zustände und eine hoffnungslose Überfüllung der Flüchtlingsunterkunft in Bramsche-Hesepe, die für 700 bis 1.200 Menschen gedacht und inzwischen mit mehr als 3.000 Flüchtlingen belegt sei.

Und die Trierer Tageszeitung „Trierer Volksfreund“ schrieb gerade über die dortige Flüchtlingsunterkunft:

„Die Trierer Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende kann seit einigen Tagen nicht mehr allen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf bieten – noch nicht einmal mehr ein Zeltdach. Viele Flüchtlinge müssen unter freiem Himmel schlafen.“

ANDREAS DUNKER für "wickede.ruhr HEIMAT ONLINE"

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Die Flüchtlingsunterkunft in Niedersachsen QUELLE: NOZ.DE
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Zimmer in der ZUE in Wimbern FOTO: ANDREAS DUNKER
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