Weniger Kindheitserinnerung und wieder mehr Kult

Kettler muss sich jetzt neu erfinden

10.11.2018

ENSE / WERL. Die gemeinnützige Heinz-Kettler-Stiftung mit Vorstand Andreas Sand an der Spitze und andere Geldgeber haben die Kettler GmbH in allerletzter Minute vor dem Untergang gerettet. Denn ohne die kurzfristige Zusage einer dringend benötigten Zwischenfinanzierung hätte das große Traditionsunternehmen aus dem kleinen Ense-Parsit seinen Geschäftsbetrieb am gestrigen Freitag (9. November 2018) einstellen müssen.

Die jetzige Lösung ist allerdings nur ein temporärer Rettungsring. Am sicheren Ufer ist das Unternehmen aus dem Kreis Soest noch lange nicht. Denn der Betrieb  kann dauerhaft nicht nur durch Kapitalgeber existieren, sondern muss selbst Gewinne erwirtschaften.

Dazu bedarf es neuer innovativer Produktideen ebenso wie moderner Maschinen und qualifizierter Mitarbeiter sowie eines erfolgreichen Verkaufs, der nicht nur Umsatz, sondern auch Gewinne bringt.

Gefragte und geschützte Markenprodukte sorgten für Monopolstellung

Während Kettler früher etliche geschützte und gefragte Markenprodukte hatte, die der Firma quasi eine Monopolstellung und Gewinn bringende Absatzzahlen garantierten, ist dies heute anders: Mit den meisten Massenprodukten steht „Kettler“ auch in Konkurrenz zu Mitbewerbern, die in Billiglohnländern produzieren lassen.

Internationaler Kult ist die Marke „Kettler“ schon lange nicht mehr – eher regionale Nostalgie.

Eine „Jahrhundertmarke“ waren der Firmenname sowie sein populäres Produkt „Kettcar“ ab Mitte der 1960er Jahre und in den darauf folgenden Jahrzehnten. Dies machen nicht zuletzt die Bilder in den Berichten deutlich, die derzeit in vielen Medien zu sehen sind. Dort dominieren Aufnahmen von historischen „Kettcars“, die symbolhaft für die goldenen Zeiten des langjährigen „Weltmarktführers“ stehen.

„Kettcar“ schaffte es als Gattungsbegriff bis in den „DUDEN“

Das „Kettcar“, ein mit Pedalen über eine Kette angetriebenes Kinderfahrzeug, ist für viele Menschen ein Stück eigener Kindheitserinnerung. Das laut Firmenangaben seit 1962 mehr als 15 Millionen Mal verkaufte Produkt schaffte es im Jahre 1980 sogar als Gattungsbegriff in das Wörterbuch „DUDEN“.

Die seit 1966 eingetragene und geschützte Wortmarke setzt sich aus der Anfangssilbe des Firmennamens „Kettler“ und dem englischen Wort „car“, das heißt: „Fahrzeug“, zusammen. Außerdem assoziierten die Konsumenten mit dem Begriff auch den Kettenantrieb des Tretmobils.

Doch welches Produkt ist aktuell das Aushängeschild und die „Cash-Cow“ von Kettler, sprich: ein gut verkäufliches Produkt, welches auch ohne viel Werbung oder große Investitionen gute Erträge erwirtschaftet? Welche Markenerzeugnisse des Sport- und Freizeitartikel-Herstellers Kettler sind heute noch in den Köpfen der Konsumenten präsent?

Legendäre Produkte aus der Vergangenheit

Wer an Kettler denkt, erinnert sich häufig nur an legendäre Produkte wie den kultigen Klappstuhl „Piccolo“ (1951), die wetterfeste Outdoor-Tischtennisplatte (1974), das Alu-Fahrrad (1977), oder den „Golf“-Heimtrainer (1982).

Dabei wurde das Fahrradwerk im saarländischen Hanweiler beispielsweise nach der Insolvenz der „Heinz Kettler GmbH & Co. KG“ bereits Ende 2015 von der ZEG (Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft eG) übernommen und gehört längst nicht mehr zur Enser Unternehmensgruppe, wenngleich es unter dem Namen „Kettler Alu-Rad GmbH“ firmiert.

Fakt ist: So wie der Enser Firmengründer und Self-Made-Millionär Heinz Kettler (*1926, † 2005) seit Gründung seiner Metallwarenfabrik im Jahre 1949 immer wieder neue Trends erkannt und erfolgreich umgesetzt hat, bedarf es auch nunmehr wieder innovativer Ideen für den Markterfolg der „Kettler GmbH“. Denn nur eine solide Produktion mit Verwaltung reicht nicht aus.

Kettler muss sich jetzt selbst neu erfinden

Kettler muss sich jetzt selbst neu erfinden. Dabei können die heutigen Macher nur noch sehr bedingt auf die Erfolgsgeschichte der Vergangenheit aufbauen. Denn durch Insolvenzen und Skandale wurden die finanziellen Ressourcen aufgebraucht und der einst gute Ruf des Traditionsunternehmens wurde zunehmend ramponiert.

Durch die tödlichen Autounfälle der Nachkommen des Firmengründers Heinz Kettler, Heinz Kettler jun. (1981) und Dr. Karin Kettler (2017), ist das 1949 gegründete Unternehmen nicht mehr im Familienbesitz, sondern in der Hand von Managern, Bankern und Unternehmensberatern. – Die Zahl der Beschäftigten von weltweit zirka 3.500 Mitarbeitern beim Firmenjubiläum im Jahre 1999 ist inzwischen auf rund 700 Mitarbeiter an den Standorten Ense und Werl geschrumpft.

Wenn die Verantwortlichen diese Arbeitsplätze erhalten wollen, müssen den hehren Worten nun konstruktive Taten folgen. Denn ein neuer Investor könnte der „Kettler GmbH“ nur den Wechsel vom jetzigen Rettungsring auf die vermeintlich sichereren Planken eines Rettungsbootes bieten, um sich wieder auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Dies sind die Entwicklung und Produktion von Sport- und Fitnessgeräten, Gartenmöbeln und Sonnenschirmen sowie Kinderfahrzeugen, -möbeln und -spielgeräten.

Unternehmerischer Antrieb für den alten Damper „Kettler“ muss von innen kommen

Richtig Fahrt aufnehmen muss der alte Dampfer „Kettler“ dann irgendwann mit eigenem unternehmerischem Antrieb wieder selbst. Der Einsatz neuer Gesellschafter und der jetzigen Geschäftsführung sowie der Gewerkschafter/Mitarbeiter sind dabei gleichermaßen gefragt.

Außerdem muss Kettler weitere kompetente Ingenieure und kreative Köpfe für Entwicklung und Design sowie engagierte Verkäufer auf dem ohnehin durch Fachkräftemangel gekennzeichneten Arbeitsmarkt akquirieren.

Desweiteren muss Kettler in Zeiten von Industrie 4.0 in die Digitalisierung investieren und sich um Online-Absatz-Plattformen kümmern. 

Gemeinnützige Heinz-Kettler-Stiftung ist kein Gesellschafter der Kettler GmbH

Die gemeinnützige Heinz-Kettler-Stiftung, die vornehmlich den Behindertensport fördern soll, ist nur noch bedingt im Boot, da sie kein Gesellschafter des operativen Unternehmens ist – aber durch eine komplizierte Konstruktion und vertragliche Altlasten teilweise noch immer mit diesem eng verbunden ist.


FAZIT: Statt negativer Schlagzeilen über Insolvenz und Personalfragen müssen wieder innovative Produkte des einst renommierten Freizeit- und Sportartikel-Herstellers her. Und in Kürze muss es um zahlungskräftige Kunden und nicht nur um Kapitalgeber gehen.

Geschäftsführung und Mitarbeiter müssen die nochmalige Finanzspritze als Hilfe zur Selbsthilfe begreifen und die letzte Chance alsbald nutzen, um sich langfristig vom finanziellen Tropf zu lösen.

Wenn die Beteiligten dies nicht schaffen, droht dem Unternehmen schnell wieder wirtschaftliches Ungemach.

Den heutigen Geschäftsführern fehlt die unternehmerische Freiheit des früheren Firmenchefs

Ob den im abhängigen Angestelltenverhältnis befindlichen Verantwortlichen dies gelingt, bleibt abzuwarten. Denn auch wenn sie die Herausforderungen annehmen und sich wieder als „Trendscouts“ wie Firmengründer Heinz Kettler erweisen würden, fehlt ihnen doch seine unternehmerische Freiheit. Diese ermöglichte dem westfälischen Wirtschaftspatriarchen schnelle und risikoreiche Entscheidungen, die den ursprünglichen Kleinbetrieb „KETPA“ (Kettler Parsit) mit seinen sechs Mitarbeitern in der Nachkriegszeit in nur wenigen Jahrzehnten zur internationalen Kettler-Unternehmensgruppe hat anwachsen lassen. Denn auch der Unternehmer Heinz Kettler musste seine Firma im Laufe der Jahre immer wieder neu erfinden. Ein Blick in die Chronik macht dies deutlich.

Im nächsten Jahr könnte „Kettler“ übrigens sein 70-jähriges Bestehen feiern. Bleibt zu hoffen, dass es dann wirklich einen Grund zur Freude in Form einer längerfristigen Zukunftsperspektive gibt.


ANDREAS DUNKER für „wickede.ruhr HEIMAT ONLINE“

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Der Kettler-Stammsitz in Ense-Parsit LUFTBILD: ANDREAS DUNKER
Der Kettler-Stammsitz in Ense-Parsit LUFTBILD: ANDREAS DUNKER

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